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Pathos of Distance

Regie: Florian Zeyfang    → Biografie anzeigen   
Land: Deutschland
Jahr: 1996
Synopsis:

Florian Zeyfang setzt sich in seinen Texten, Videoarbeiten und Installationen kritisch mit den Konnotationen einer globalisierten medialen Zeichenwelt und den Vorstellungswelten, auf die diese rekurrieren, auseinander.
In dem Animationsvideo PATHOS OF DISTANCE verdichtet sich das Loblied auf die Universalität technologischer Kommunikationsformen eines während des Internet-Booms im Fernsehen ausgestrahlten IBM-Werbespots. Durch die zeichnerische Aneignung des Tracing und durch die Distanzierung mittels eingefügter Texttafeln wird die Vermittlung von Technologie als Selbstzweck und sinnstiftendes Moment kritisch hinterfragt. „In PATHOS OF DISTANCE verwendet [Florian Zeyfang] handgezeichnete Schwarzweiß-Animation, jene Methode, der man auch in vielen seiner späteren Videoarbeiten begegnet. Als eine Art grafische Nach- oder Überzeichnung existierender Fernseh- oder Filmbilder weisen die Animationen eine bewusst unhandwerkliche und hastige Qualität auf, die besonders genau zu dem kritischen Kommentar, der den Kern beider Werke ausmacht, passt.
PATHOS OF DISTANCE zeichnet eine Serie von während der Zeit des Internet-Booms im Fernsehen ausgestrahlten IBM-Werbespots nach, in denen Nonnen im Flüsterton über die Freuden des mobilen Telefonierens reden, arabische Männer beim Tee über die Möglichkeiten von Netzwerken diskutieren und Paläontologen im afrikanischen Urwald Dateien herunterladen. Die einfachen Umrisslinien der gesendeten Bilder springen vor dem weißen Hintergrund wie bei einem Daumenkino. Der Soundtrack der Spots bleibt unverändert, doch findet eine Distanzierung durch eingefügte Texttafeln statt, auf denen Zeyfang die dargestellte Bildwelt ironisch und ohne um den heißen Brei herumzureden kommentiert: „These guys believe in omnipotence (Diese Jungs glauben an Omnipotenz)“; „Downloading consciousness (Bewusstsein downloaden)“, und so weiter. Die Kritik, die in dieser Arbeit zum Ausdruck kommt, ist produktiv und verständlich, dabei niemals prätentiös – eine schnelle Antwort auf die rasanten Entwicklungen des blühenden Telekommunikationszeitalters. Das „Pathos“ im Titel ist womöglich ein Nebenprodukt dieser Geschwindigkeit. Zeyfang weiß, dass es mehr bedarf als altkluger Kommentare, um mit der Globalisierung umzugehen. Die ästhetische Distanz, die durch die Mimikry der Arbeit hergestellt wird, steht in keinem Verhältnis zu der Verringerung von kultureller und ideologischer Distanz, die (angeblich) durch den Gegenstand der Arbeit, stattfindet.“
(Aus: Bennett Simpson, „Die alten Diskussionen“, in: Florian Zeyfang: Fokussy, Frankfurt / Main 2004)

„(…) Zu den in Filmen wie PATHOS OF DISTANCE eingesetzten Formen – hier verschaltet Zeyfang zwei IBM-Werbespots, die sich mit identitärem und animistischem Vokabular dazu aufschwingen, die Universalität medialer Kommunikation zu feiern – zählt nicht nur die schon von Warhol geliebte zeichnerische Aneignungstechnik des Tracing, ebenso kommen in den kurzen Clips und Loops gezeichnete Emulationen von Film- und Video-Bildfehlern oder Störungen zum Einsatz, die abstrakte Zeichnung im bewegten Bild nicht nur als Stilmittel einsetzen, sondern (über die konkrete narrative Bedeutung hinaus) kritischen Zugang zu verschiedenen Ebenen der zeichnerischen, installativen, filmisch-medialen Repräsentation ermöglichen. (…)
Solche Tracing-Filme haben eine doppelte Charakteristik: Das eine ist, dass Zeyfang sie variabel einsetzen kann – auf Monitoren oder als Videoprojektion, entweder auf eine Wandfläche oder auf eine seiner Brücken zum Realraum des Ausstellungsorts schlagenden Architekturen projiziert. Die strukturellen und materiellen Referenzen dieser Filminstallationen erweitern sich dann manchmal durch die Verwendung von quasi-zeichnerisch in die Projektionsflächen hineingeschnittenen Perforationen, beispielsweise in Form von Plänen konkreter architektonischer Situationen. Zum anderen bietet Zeyfang das Grund legende und einfache (Ab-)Zeichnen eine ausgezeichnet nachvollziehbare Technik der mimetischen Aneignung. Was im Titel als „Übertragung“ (oder versuchte Übertragung) bezeichnet wird, entsteht erst aus der Begegnung des subjektiv konnotierten Zeichnens mit dem (re)animierenden Abfilmen und Sequenzieren. In der technologischen Unterbietung des Ausgangsmaterials findet eine direkt ausgestellte Distanznahme statt, die es ermöglicht, das Gemachtsein der so angeeigneten filmischen Bilder umstandslos zu zeigen und fast zu versinnbildlichen. Zugleich mit ihrer Anonymisierung erhalten die durch die locker angewandte Beschränkung auf Umrisslinien entleerten Filmbilder so etwas wie ein allgemein ästhetisches Gepräge – durch die Nachahmung in der Zeichnung werden sie von ihrer Ähnlichkeit befreit und werden zu Gegenständen neuer ästhetischer und inhaltlicher Verhandlungen. In den kurzen Tracing-Filmen, aber auch in den sie kontextualisierenden, kommentierenden Architekturen treffen sich also Materialien, Medien und Techniken, die selten in dieser Weise gemeinsam eingesetzt wurden: Werbung und Filmessay als Found Footage, Zeichnung und Animation, Videoprojektion und Rauminstallation. In frame by frame aufgenommenen Bilderfolgen entstehen animierte, gezeichnete Filme, die verschiedene, meist fotografisch bestimmte Bilder zur Grundlage nehmen und die Umrisse ihres Ausgangsmaterials schwarz auf weiß nachzeichnen. Dies geschieht durch die Beschränkung auf wenige Animationsschritte in extremer Verdichtung und Schnelligkeit – den historischen, noch dem Wahrheitsmedium Film verpflichteten Ausdruck der caméra stylo, bei der sich die reduzierte Verwendung der Kamera den Bewegungen des Zeichenstifts angleicht, verwirklicht und überwindet Zeyfang hier im gleichen Schritt. Durch die resultierenden ruckelnden Bilderpfeile entsteht der Eindruck einer gewissen Rohheit, die es erst nach einer Reihe von Wiederholungen erlaubt, der eventuell vorhandenen Narration zu folgen. Die eigentliche Arbeit liegt nun nicht in der minutiösen Kopie des in der Folge dekonstruierten Materials, sondern in einer fast modellhaft vorgeführten Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Techniken der filmischen Montage.“
(Aus: Clemens Krümmel, „Film und Zeichnung auf einem Tape von Florian Zeyfang“, in: Florian Zeyfang: Fokussy, Frankfurt / Main 2004)
Sprache: Deutsch, Englisch
Schlagworte: Experimentalfilm

Technische Angaben

Format: DVD
Verleihstatus: Ausleihbar
Fassung: OF
Laufzeit in Minuten: 8
Farbe: S/W